+++ Schulz‘ größtes Problem ist, dass man seine Verzweiflung riechen kann +++

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Bundestagswahl
Schulz' größtes Problem ist, dass man seine Verzweiflung riechen kann

Es ist ja nicht so, als würde Martin Schulz sich nicht bemühen. Der Sozialdemokrat hat in den sechs Monaten seit seiner Nominierung als Kanzlerkandidat nach einem Traumstart viele Rückschläge hinnehmen müssen und versucht, aus seinen Fehlern zu lernen.

Konkrete Inhalte enthielt er seinen Wählern lange vor – und wurde dafür gescholten. Schulz reagierte, indem er eine ganze Salve von Plänen abfeuerte. Erst kamen die Eckpunkte des Wahlprogramms („Zeit für mehr Gerechtigkeit"), dann ein Renten-Plan, dann noch ein Steuer-Plan und am vergangenen Sonntag schließlich der Zukunftsplan. Sehr fleißig, aber etwas verwirrend.

Wegen eines Depressionsfotos im „Schulzzug" ergoss sich Häme über ihn. Seitdem sprintet Schulz permanent dynamisch eine Treppe nach der andern hoch und grinst dabei, so breit er kann.

Auch über Schulz' Timing wurde in der Vergangenheit gespottet. Bei seiner wirtschaftspolitischen Grundsatzrede im Mai stellte Vizekanzler Gabriel zeitgleich sein neues Buch vor. Als dann auch noch Merkel ein Statement zur Wahl in Schleswig-Holstein abgab, schalteten die Fernsehsender weg vom Herausforderer zur Kanzlerin.

Partei und Kandidat haben sich angenähert - aber anders, als geplant

Schulz hat daraus gelernt: Die Vorstellung seines „Zukunftsplans" setzte er strategisch geschickt für den Sonntag an – noch bevor die Kanzlerin ihr Sommerinterview in der ARD gab. Der Würseler gab sich kämpferisch und versuchte, wieder eine ähnliche rhetorische Kraft wie bei seinen ersten Reden als Kanzlerkandidat zu entfalten, als ihm die sozialdemokratischen Herzen noch von allein zuflogen. Das Problem: Es fliegen kaum noch Herzen hinterher.

Denn Ende Januar wirkte der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments im Kreise der leidgeprüften deutschen Sozialdemokraten wie ein Ausbund an Selbstbewusstsein. Nun haben sich Partei und Kandidat angenähert - nur leider hat Schulz die Partei nicht zu sich hochgezogen, sondern sie ihn nach unten.

Das größte Problem für Martin Schulz: Man kann seine Verzweiflung förmlich riechen. Als Herausforderer mit einer starken Kanzlerin ist er in der Defensive. Jeder gescheiterte oder verpuffte Angriff kostet nicht nur Kraft, sondern zerstört auch ein weiteres Stück Hoffnung. Und wird selbstverständlich von Medien und Konkurrenz bewertet. Jede Woche kommt dann noch eine neue Hiobs-Umfrage dazu. Kein Wunder, dass die Spritzigkeit da auf der Strecke bleibt.

Im Video: Donnerwetter hinter verschlossenen Türen: Schulz will auf niemanden mehr hören

Freilich hat sich der machtbewusste und keineswegs uneitle Schulz dieses Schicksal selbst ausgesucht. Aber leidtun kann er einem trotzdem. Denn wenn Schulz kämpft, wirkt das bemüht und verbissen. Kämpft er nicht, denken alle, er habe schon aufgegeben.

Merkel ließ ihn so unbeteiligt ins Leere laufen, dass es fast schon eine Beleidigung ist

Um wieder authentischer zu wirken, wurde im SPD-Wahlkampfteam laut „Welt am Sonntag" nun die Parole „Let Schulz be Schulz" ausgegeben. Der Kanzlerkandidat habe keine Lust mehr, sich von Spin-Doktoren reinreden zu lassen, er will es nun wieder auf seine Weise versuchen. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht mehr.

Der Zukunftsplan sollte der erste Schritt auf dem neuen Weg zum alten Schulz sein. Der Sozialdemokrat forderte mehr Investitionen. In der ARD ließ Angela Merkel ihn so demonstrativ unbeteiligt ins Leere laufen, dass es schon fast eine Beleidigung ist. Nicht das fehlende Geld sei das Hauptproblem, sondern die zu langsame Planung. „Wir können zurzeit das Geld, das wir haben, nicht ausgeben." Merkel macht sich nicht einmal die Mühe, zu verschleiern, dass sie nach zwölf Jahren Kanzlerschaft für den Investitionsstau verantwortlich ist. Auch Merkel spürt die Verzweiflung ihres Herausforderers – und folgt ungerührt seinem neuen Motto „Let Schulz be Schulz". Nur dass er das anders gemeint hat.

Im Video: Als der Moderator sie nach ihrer „Masche" fragt, lässt Merkel ihn abblitzen

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