Zurück auf Los. Gehen Sie direkt in die Regionalliga, gehen Sie nicht in die Dritte Liga und ziehen Sie keine 4000 Mark ein.
24 Jahre und einen Monat liegt das letzte Spiel von 1860 München im Amateur-Bereich zurück. Am 13. Juni 1993 reichte ein 1:1 gegen Ulm zum Aufstieg aus der Bayernliga in die 2. Liga.
Ein Jahr später folgte der Durchmarsch in die Bundesliga, zehn Jahre später ging es wieder runter. Nach 13 Jahren Zweitklassigkeit und dem Lizenz-bedingten Zwei-Klassen-Absturz ist 1860 jetzt wieder in den Niederungen des Amateurfußballs angekommen.
Riesen-Euphorie nach Doppel-Abstieg
Es geht in der Regionalliga Bayern standesgemäß los mit einem Ausflug ins beschauliche Allgäu, FC Memmingen heißt der erste Gegner in der Regionalliga Bayern am heutigen Donnerstagabend (Alle Infos im Live-Ticker von FOCUS Online, live im TV bei Sport1). Für die Fans von 1860, die zuletzt immerhin noch Bochum oder Stuttgart gewohnt waren, der erste von vielen Horror-Trips in die Provinz. Oder?
Keineswegs, das Gegenteil ist der Fall: Der Münchner Club dürfte wohl der einzige Club in Deutschland sein, bei dem nach einem Abstieg um zwei Ligen die totale Euphorie ausbricht.
Über 500 Fans kamen vor einigen Wochen zum Trainingsauftakt. Der ehemals zweiten Mannschaft wohlgemerkt, aus dem Zweitliga-Team der vergangenen Saison blieben nur Verteidiger Jan Mauersberger und Stürmer Sascha Mölders übrig. Trainer Daniel Bierofka warnt schon vor überzogenen Erwartungen, dabei ist die Ernennung des Ur-Löwen zum Chefcoach selbst mit ein Grund für die Euphorie.
Die 1100 Auswärtstickets für den Auftakt in Memmingen waren binnen Minuten ausverkauft, die Mehrzahl der 5000 Zuschauer werden am Donnerstagabend der Gästemannschaft zujubeln. Man könnte meinen, 1860 sei auf- statt abgestiegen.
Aufbruchstimmung in Giesing
Denn der Absturz wirkt wie gesprengte Fesseln. Die Fesseln der latent überzogenen Erwartungshaltung im Verbund mit sportlicher Perspektivlosigkeit, die der immer aussichtsloser werdenden Sackgasse 2. Liga – und der Fesseln des eigenwilligen Investors Hasan Ismaik.
Der Jordanier ist zwar immer noch da – doch durch München-Giesing weht seit dem verlorenen Relegationsspiel gegen Jahn Regensburg ein Geist von Neuanfang und Aufbruch.
Dazu muss man einschränkend sagen, dass das beim Münchner Traditionsverein eigentlich vor jeder Saison so ist. Die letzten 13 Jahre war vor Saisonbeginn der Bundesliga-Aufstieg das mehr oder weniger offizielle Ziel, die Ernüchterung folgte ebenso regelmäßig. Mal später, meistens früher.
Sehnsuchtsort Grünwalder Stadion
Doch in diesem Sommer ist vieles anders. Kurz vor dem ersten Saisonspiel sind die letzten Hindernisse für den Auszug aus der verhassten Allianz Arena geklärt, der Löwe kehrt an seinen Sehnsuchtsort Grünwalder Stadion zurück. Der Ort der größten Triumphe und nach wie vor die Herzkammer des Vereins.
Die Rückkehr ist für viele 1860-Fans wichtiger als die Ligazugehörigkeit. Was bringen sportliche Höhenflug, wenn die Identität irgendwo auf dem Weg zur Bayern-Arena in Fröttmaning verloren gegangen ist? Es wirkt, als finde ein hoffnungslos verlorener Verein gerade zurück zu sich selbst.
Dabei könnte die Dauer des Aufenthalts im "Sechzger-Stadion" befristet sein. Für höheres als die Dritte Liga ist das zwar ehrwürdige aber morsche Stadion nicht mehr zugelassen. Auch wirtschaftlich ist das Konstrukt 1860 weiter ein äußerst wackeliges, eine Insolvenz wurde kurz vor Ligastart nur knapp abgwendet. Vorerst, bis zum nächsten Jahr.
Doch all das ist die Zukunft. Die Gegenwart heißt Memmingen und Neustart in Liga vier. Für viele Anhänger der glücklichste Tag seit Jahren.
Video: Ismaik soll 1860 bewusst versenkt haben